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  • Doula Doris

Die Macht der Worte (6) - Der schmale Grat zwischen Aufklärung und Angstmacherei

Allgemein wird angenommen, dass Angst und Schmerz verringert werden, wenn dem Patienten eine schmerzhafte Manipulation vorher angekündigt wird und man sich nach erfolgtem Schmerz mitfühlend äußert. Dass dies nicht zwangsläufig so ist, zeigt auch eine Studie von Elvira Lang et al. (2000), in der Angst und Schmerz verstärkt wurden, wenn in der Warnung oder mitfühlenden Äußerung negative Worte wie „stechen“, „brennen“, „wehtun“, „schlimm“ oder „Schmerz“ enthalten waren. Verheerend auf die Glaubwürdigkeit und den Kontakt zwischen medizinischem Personal und dem Patienten wirken sich Unwahrheiten aus, wie „Das tut gar nicht weh!“ oder „Das ist gleich vorbei“. Das Vertrauensverhältnis ist schnell gestört, wenn Lügen auffliegen, etwa „Es ist alles bestens!“

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf mein Fallbeispiel aus Teil 4 zurückkommen: Die junge Hebamme, die Barbara* auf wirklich sehr einfühlsame Weise begleitete, legte sehr großen Wert darauf, alle Vorgänge genau zu beschreiben. Ich nahm sehr wohlwollend auf, dass sie nach der Ankündigung, den Muttermund tasten zu wollen, immer geduldig auf das OK von Barbara wartete. Ich erinnere mich sehr genau an den Moment, als uns die Hebamme verkündete: „Ganz toll! Dein Muttermund ist jetzt bei zehn Zentimeter!“ In mir kam kurz Partystimmung auf, ich umarmte Barbara: „Hey! Dein Muttermund ist schon ganz offen! Gratuliere!“ Einen kurzen Moment füllte meine Begeisterung den Raum und ich sah Barbara an, dass sie sich innerlich gerade auf den Endspurt vorbereitete, als die Hebamme nachsetzte: „Leider ist der Kopf deines Babys noch relativ weit von der Mittellinie des Beckens entfernt und erst, wenn es sich da gut reingedreht hat, wissen wir, ob es gut durchpasst.“ Und weg war sie, die Euphorie. Auf Barbaras erschöpfte Frage: „Und wie lange dauert das jetzt noch?“ bekamen wir die Antwort, das wisse sie nicht, das könne auch noch ein paar Stunden dauern. Obwohl Zeit bis dato überhaupt keine Rolle spielte, hinterließ der kleine Hinweis auf die möglichen „paar Stunden“ Barbara ziemlich mut- und kraftlos. Und vermutlich tauchte nicht nur in meinem Kopf das Fragezeichen auf: „…ob es gut durchpasst? Hmm … und was, wenn nicht?“


Gibt es ein Zuviel an Information?

Abgesehen von der Gefahr einer schlechten Wortwahl möchte ich hier daher die Frage aufwerfen, ob nicht auch ein „Zuviel an Information“ mehr Schaden anrichten kann als Nutzen? Meiner Ansicht nach ist es nicht notwendig, alle offenen Fragen, die sich im Laufe einer Geburt aus Hebammen- oder Doula-Sicht ergeben, auch mit der werdenden Mama zu diskutieren. Selbstverständlich werde ich auf konkrete Fragen auch immer ehrliche Antworten geben, mit persönlichen Einschätzungen zur voraussichtlichen Dauer der Geburt werde ich mich allerdings immer zurückhalten. In oben genanntem Beispiel ist es wohl ein schmaler Grat zwischen ehrlicher Informationsweitergabe über den konkreten Geburtsfortschritt, um keine falschen Hoffnungen zu wecken, und dem Zerstören von aufkommender Euphorie und Zuversicht und dem Mut, neue Kräfte für die bevorstehende letzte Etappe des Marathons zu sammeln. Und wie wir in diesem Beispiel gut sehen können, kann ein einziger Satz zum falschen Zeitpunkt wirklich einen wesentlichen Unterschied machen.

Die schonungslose Aufklärung über alle noch bevorstehenden Etappen des Geburtsprozesses oder die Bekanntgabe aller möglichen Wirkungen und Nebenwirkungen der verabreichten Medikamente halte ich während einer Geburt ebenso für entbehrlich wie gut gemeinte Ratschläge oder Angebote, die häufig die Aufmerksamkeit auf im Moment nicht vorhandene und auch nur möglicherweise auftretende Probleme lenkt und die Gebärende daran hindert, sich ausschließlich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Ein sensibles Thema in diesem Zusammenhang ist wohl auch die ungefragte Bekanntgabe des Muttermundbefundes. Jede Frau muss selbst darüber entscheiden können, ob es in der jeweiligen Situation hilfreich für sie ist, den aktuellen Status der Muttermundöffnung zu erfahren. Nach erfolgter Untersuchung kann ein „Möchtest du den Befund gerne wissen? Sonst frag ich dich einfach beim nächsten Mal wieder!“ die Frau sogar dazu ermutigen, sich keine Gedanken über die Zentimeter-Messungen zu machen. Jede geburtserfahrene Person weiß, wie lange es sich hinziehen kann, bis sich der Muttermund nur einen einzigen Finger weiter öffnet und wie schnell hingegen vier weitere Zentimeter dazu kommen können. Bei dieser Gelegenheit ist es wiederum wichtig, sich die Bedeutung der kleinen Worte „nur“, „erst“, „immer noch“ oder „schon“ wieder und wieder bewusst zu machen.


Im siebenten und letzten Teil meiner „Die Macht der Worte“-Reihe gebe ich euch noch einen kleinen Überblick über die Wirkung von Affirmationen und Zielsätzen bei der Vorbereitung auf die Geburt.

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