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  • Doula Doris

Die Macht der Worte (4) - Wie Verneinungen unser Gehirn verwirren


Wir alle wissen, dass gerade die Aufforderung, etwas nicht zu tun, genau das Gegenteil bewirken kann oder wird. Aber warum ist das so? Im Folgenden wird klar, dass die Vorgänge im Gehirn eines Menschen bei der sprachlichen Verarbeitung einer Verneinung sehr komplex sind. Der Grund dafür sind fehlende Abstraktionen und Konzepte für Verneinungen. Bei der Verarbeitung wird automatisch der Fokus auf Handlung und die in eine Handlung einbezogenen Personen oder Objekte gelegt. Für das Beispiel „Denke jetzt auf keinen Fall an eine rote Rose!“ wäre das die rote Rose. Da es dafür kein negatives bzw. verneintes Pendant gibt, können wir die Verneinung im Beispiel nicht bildlich im Kopf abzeichnen. Es bleibt uns also nichts anderes übrig als erst einmal an das Objekt, die Rose, zu denken.


Amerikanische Wissenschaftler haben eine Studie durchgeführt, in der sie untersuchten, wie sprachliche Verneinungen unser Gehirn fordern. Dazu wurden die Gehirnaktivitäten von unterschiedlichen Probanden, die verneinte Äußerungen lesen sollten, mittels EEG aufgezeichnet und ausgewertet. Dabei kam Erstaunliches zu Tage: Die linke Gehirnhälfte ist für logische und mathematische Aspekte zuständig, die rechte wiederum für Ereignisse, bildliche Darstellungen und Emotionen, so zumindest wird es für Rechtshänder angenommen. Wenn Sie Verneinungen, wie die obige, hören, wird sie zwar in der linken Gehirnhälfte richtig verarbeitet, jedoch, wie bereits zuvor beobachtet, erstellt die rechte Hirnhälfte das Bild der Rose. Die Forscher schlussfolgern, dass das Gehirn durch zwei unterschiedliche Meldungen verwirrt wird, wodurch die endgültige Verarbeitung verlangsamt bzw. gestört ist.



„Du brauchst keine Angst zu haben!“ wird nur in seltenen Fällen die Kraftreserven einer Gebärenden wecken. „Ich sehe, wie stark und mutig du bist“ kann hingegen auch zu aus Hebammen-Sicht unerfreulichem Über-Mut führen 😉

Diese Ergebnisse lassen den logischen Schluss zu, dass Verneinungen bei einer gebärenden Frau, deren Sprachverarbeitungszentrum ohnehin gerade auf ein Minimum heruntergefahren ist, wohl nicht richtig interpretiert werden können. Dennoch finden sich im Vokabular im Kreißsaal unzählige Formulierungen, die negative oder schmerzhafte Assoziationen auslösen: schlimm, Angst, Schmerz, weh. All die Aussagen in den Sprechblasen können – und werden sogar sehr wahrscheinlich – während der Geburt von der werdenden Mutter gegenteilig verstanden und negative Erwartungen auslösen. Diese erhöhen als Nozebo-Effekte die Wahrscheinlichkeit, dass genau das eintritt, was eigentlich verhindert werden sollte: Angst, Schmerz, Sorgen und Aufmerksamkeit, die auf medizinische Interventionen gerichtet wird.


Halb voll oder halb leer?

Dem entgegenzuwirken, ist eigentlich ganz einfach: Die Kommunikation während einer Geburt soll im besten Fall auch zwischen den Geburtshelfern und -begleitern, vor allem aber in der direkten Ansprache der Gebärenden immer positiv formuliert sein. Statt „Es dauert bestimmt nicht mehr lange.“ könnten wir genauso gut „Du wirst dein Baby bald in deinen Armen halten.“ sagen und statt „Achtung, das kann kurz weh tun!“ auch einfach nur „Du wirst etwas spüren“. „Nicht ausatmen!“ kann durch ein „Behalte die Luft drinnen!“ ersetzt werden und „Mach dir keine Sorgen, das wird schon…“ durch ein bestärkendes „Du machst das super! Weiter so!“. Auch Formulierungen wie „Diese Position kann sich ungünstig auf dein Baby auswirken!“ können die werdende Mama sehr beunruhigen. „Du kannst deinem Baby helfen, indem du versuchst, eine andere Haltung einzunehmen!“ wirkt ganz anders, hat aber genau dieselbe Aussage. Ich könnte diese Liste hier noch beliebig verlängern und wahrscheinlich klingen die Vorschläge für viele von uns ohnehin völlig logisch, es wird aber immer wieder Situationen geben wird, die uns herausfordern und dazu führen, dass wir in diese verbalen Fallen tappen. In den Lehrplänen des Hebammenstudiums gibt es zum Thema Kommunikation einige Seminare, ich nehme also an, dass Hebammenschülerinnen auf einfühlsame und sensible Gesprächsführung mit Schwangeren und neugeborenen Mamis gut vorbereitet werden - nichtsdestotrotz ist es meiner Meinung nach wichtig, sich dieses Thema aktiv bewusst zu machen und darüber zu reflektieren.

Aus meiner ersten Geburtsbegleitung möchte ich dazu gerne ein Fallbeispiel beschreiben: Die Geburt des kleinen Jakob* war schon sehr weit fortgeschritten, der Muttermund war vollständig eröffnet und Mama Barbara* war in der Gebärwanne des Krankenhauses. Unsere Hebamme hielt sich während des gesamten Prozesses sehr im Hintergrund, nahm immer wieder eine beobachtende Haltung ein und vermittelte uns damit non-verbal ein gutes Gefühl von Sicherheit. Eine zweite Hebamme, die uns bis dato unbekannt war, betrat das Badezimmer und schlug Barbara vor, bei den nächsten Wehen schon mitzuschieben. Ohne den für diesen Vorgang wichtigen Pressdrang zu verspüren, folgte sie den Anweisungen tapfer und versuchte, kräftig zu drücken. Die folgenden Worte der Hebamme beeinflussten den weiteren Verlauf der Geburt meiner Ansicht nach drastisch: „Da kommt ja gar nichts unten an! Sie brauchen keine Angst zu haben!“ Einmal ausgesprochen, stand Barbara die Angst sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben. Vor der nächsten Wehe formulierte sie deutlich: „Ich kann das nicht! Ich hab‘ solche Angst!“ Zwei weitere aus Hebammensicht „erfolglose“ Wehen musste die werdende Mutter aus der Wanne, wurde in weiterer Folge an einen Wehentropf gehängt und der kleine Jakob wurde mittels Saugglocke und Dammschnitt geboren. Die Frage, wie die Geburt verlaufen wäre, wenn die Hebamme andere Worte gewählt hätte, bleibt offen. * Namen geändert
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